2014-05-02 17.30.52

 

An einem Tag las ich Agota Kristófs Roman „Das große Heft“ aus dem Jahr 1986. Es ist der erste Teil einer Trilogie. Immer wieder musste ich es weglegen, weil die Bilder, die es erzeugte zwar sachlich erzählt aber gleichzeitig zu erschütternd waren.

Das große Heft ist ein Heft, welches sich zwei Jungen, Zwillinge zulegen, um ihre Erlebnisse darin zu notieren. Während des 2. Weltkrieges werden sie von ihrer Mutter aus „der großen Stadt“ zu ihrer Großmutter, die von allen „die Hexe“ genannt wird, in die kleine Stadt geschickt. Dort sind sie, im Alter von 8 oder 9 Jahren, weitgehend auf sich allein gestellt. Sie erschaffen sich ihre eigene Welt indem sie sich gegenüber physischen und psychischen Schmerzen durch „Übungen“ immun machen. Sie verstärken sich gegenseitig und richten sich nach ihren eigenen moralischen Maßstäben. Gefühle versuchen sie sich bewusst abzutrainieren. Die einzelnen Kapitel des Buches sind kurze Aufsätze, die sie sich gegenseitig als Aufgabe stellen und korrigieren. Erst wenn die Aufsätze vom anderen als „gut“ bewertet werden, dürfen sie ins große Heft. Kriterien dafür sind die sachliche Richtigkeit und die Unabhängigkeit von Gefühlen. Die Sprache im Roman ist demzufolge sehr sachlich und emotionslos. Unglaublich grausame Ereignisse, gerade im Leben von Kindern, werden so nüchtern erzählt, dass ich das Buch öfters aus der Hand legen musste. Denn die Sprache erstellte in meinem Kopf eigene Bilder, die ich nicht einfach so wegschieben konnte. Dennoch hatte ich den Roman am Abend ausgelesen. Das Ende – ganz ehrlich: es hallt immer noch nach. Solch eine Grausamkeit wird so neutral erzählt. Unglaublich!

Der Roman wurde vor 2 Jahren verfilmt.

Zu Agota Kristóf: Eine ungarische Schriftstellerin, die 1953 in die Schweiz emigrierte, dort jedoch nie ihre Heimat fand. 2011 starb sie in der Schweiz. (wikipedia)