Ich mag die nüchterne und pragmatische Sprache von Agota Kristof. Nach „Das große Heft“ ist „Der Beweis“ der zweite Teil einer Trilogie. Es wird die Geschichte von Lucas erzählt, der nach dem Fluchtversuch allein in der Grenzstadt zurück bleibt. Er baut sich sein Leben auf, der Zufall schenkt ihm ein Kind, einen Lebenssinn. Doch genau so brüchig wie dieser Sinn scheint seine ganze Existenz zu sein. Gibt es ihn wirklich? Gibt es den Bruder oder sind beide ein und dieselbe Person? Wie schon beim ersten Teil wurde ich völlig in die Geschichte hinein gezogen. Die klare, auf das wesentliche reduzierte Sprache läßt unglaublich viel Raum für Phantasie. Ich bin gespannt, wie es im dritten Teil weiter geht.
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Als nächstes las ich von Agotha Kristof „Die Analphabetin“. Es ist eine autobiografische Erzählung ihrer Flucht aus dem kommunistischen Ungarn über Wien in die französischsprachige Schweiz. Nachdem sie bereits mit 4 Jahren lesen konnte, fühlte sie sich im Exil (das wohl nie Heimat wurde) wie eine Analphabetin und musste sich die Gewalt über die Sprache mühsam neu erkämpfen. Sie schreibt auch über ihre ersten Schritte als Schriftstellerin und das Unverständnis ihrer Nachbarn, wenn über Todesfälle bei Flüchtlingen in den Nachrichten gesprochen wird. Sie hat es selbst erlebt und weiß genau, dass niemand leichtfertig eine Flucht aus seiner Heimat unternimmt. Eine sehr eindrückliche Geschichte.
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Anschließend las ich von Olga Grjasnowa „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Kurz gesagt geht es um die Suche einer jungen Frau namens Mascha um Halt. Ein erschütterndes Erlebnis bringt ihr komplettes Leben durcheinander und sie taumelt durch die Zeit ohne etwas oder jemand Beständiges darin zu finden. Der Roman spielt an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kulturen, doch das Grundproblem bleibt immer dasselbe. Die Geschichte ist atmosphärisch gut erzählt, lediglich diese Unentschlossenheit, die sich bis kurz vorm Ende zeigt und dann wenig überrascht, gefiel mir nicht. So gern hätte ich ihr zwischen den Zeilen Mut zugerufen.

Heute erst beendete ich Peter Stamms „Ungefähre Landschaften“. Es geht um Katherine, die nach zwei gescheiterten Ehen ebenfalls auf der Suche ist. Sie reist weit weg um am Ende wieder zurück zu kommen und ihr Leben in die Hand zu nehmen. Ihre Reise aus der Dunkelheit ins Licht wird in einzelnen, für die Entwicklung wichtigen Fragmenten erzählt. Wie prägnant 3 Wochen geschildert werden können! Auch hier sind es oft zufällige Begegnungen oder Erlebnisse, die scheinbar die weitere Entwicklung bestimmen. Wie auch schon in Grjasnowas Roman fragte ich mich oft, was anders gelaufen wäre, wenn die Situation zufällig eine andere wäre. Aber in echten Leben ist es ja auch oft so.

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