In den letzten beiden Wochen konnte ich den Elternsprechtag aus zwei verschiedenen Perspektiven erleben: als Lehrerin und als „Elter“. Beides zusammen genommen erleichtert die Reflexion – da ich mich nicht in die andere Rolle hineinversetzen muss. Ich habe sie beide inne.

Als Lehrerin habe ich dieses Schuljahr 107 Schüler, davon etwa zwei Drittel in der Oberstufe (also 10.-12. Klasse), 76 um genau zu sein. Zum Elternsprechtag hatte ich 5 Anmeldungen. Während des Elternsprechtages bekam ich telefonisch eine Absage wegen Krankheit, was ich allerdings erst hinterher sah, da ich in meinem Raum und nicht im Lehrerzimmer war. Diese 4 Gespräche waren verteilt auf 2 Stunden. Eigentlich ist der Elternsprechabend 4 Stunden lang (17-21 Uhr), für jedes Gespräch sind 10 Minuten vorgesehen. Es gibt einige Kollegen, die tatsächlich eine komplett volle Liste hatten. Ich hatte meine Gespräche bis 19 Uhr begrenzt, da ich a) wusste, dass meine Liste selbst für die 2 Stunden nicht voll wird und b) ich meine Kinder dabei hatte.

Ich hatte an meine Tür den Vorbereitungsbogen von Corinna Lammert gehängt, einige Eltern haben ihn sich auch weggenommen. Vermutlich müsste man das Blatt vorher rausgeben. So war die Zeit meist zu kurz um vor dem Gespräch noch über die Fragen nachzudenken. Zu meiner Vorbereitung hatte ich mir zu jedem Schüler die bisherigen Noten aufgeschrieben sowie einige Stichpunkte zur Person – Stärken, Arbeitsweise in der Gruppe, Reserven, etc.. Während der Gespräche machte ich immer deutlich, dass das mein Eindruck ist – keine allgemein feststehende Tatsache. Die meisten Eltern kamen um zu hören, wie es so läuft. Es wurden also weniger Probleme erörtert, sondern Eindrücke abgeglichen. Das finde ich sehr wichtig, da ich so mitbekomme, wie meine pädagogische Arbeit in den Erzählungen bzw. der Reflexion der Schüler wahrgenommen wird. (Meine Schüler befrage ich natürlich auch direkt, auch das ist wichtig – die Nuancen sind doch unterschiedlich. Das ist sehr spannend!) Insgesamt waren die Gespräche zwar kurz, aber ohne Hektik.

Anschließend durften meine Kinder plus die Tochter der Kollegin/Freundin noch die Tafel voll malen – so wurden auch die Klassen der nächsten 5 Schultage erfreut. Ich habe es gestern abgewischt, es traute sich niemand….

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Als ich selbst als Mutter beim Elternsprechtag war, hatte ich mich nur bei einer Lehrerin (nicht dem Klassenlehrer) angemeldet. Ich bin mit einem konkreten Gesprächsthema / einem Problem hingegangen und habe mir vorher bereits meine Gedanken dazu gemacht. Wenn man nur ein Gespräch, so wie ich, an diesem Nachmittag hat, ist man besser vorbereitet – noch dazu, wenn es um das eigene Kind geht. Ich habe mir recht genau überlegt, was ich sage, schließlich will ich weder das Fach noch die Lehrerin kritisieren noch mein Kind irgendwelchen Benachteiligungen aussetzen. So bin ich recht konsequent beim Problem geblieben, obwohl die Lehrerin immer wieder allgemein über die Klassensituation, ihre Situation, mein Kind sprechen wollte. Erst ganz am Ende fragte ich sie direkt nach ihrem Eindruck von meinem Kind. Auch sie sprach über Noten und die Stärken, wie sie sie wahrnimmt. (Es deckt sich mit meinen Beobachtungen.) Eine Lösung für mein Problem habe ich leider nicht. Unzufrieden bin ich damit aber nicht, immerhin konnte ich die Lehrerin auf das Problem aufmerksam machen. (Ihr war es vorher nicht bewusst).

Für mich ergibt sich aus den verschiedenen Perspektiven: 1.) Als Elternteil möchte man konkrete Aussagen zum eigenen Kind – keine allgemeinen Aussagen. Für mich als Lehrerin bedeutet das, dass ich die Schüler sehr genau beobachten und begleiten muss. Das ist eine sehr große Herausforderung. In einem Kurs mit 14 Schülern ist das freilich einfacher als in einer Klasse mit 28 Schülern bei einer Wochenstunde. Für letzteres habe ich noch keine adäquate Lösung gefunden. Meine Beobachtungen sind so fragmentarisch, dass sie oft nur durch Austausch mit Kollegen ein Bild ergeben. Das ist dann zwar eine Hilfe, aber es sind nicht mehr meine Beobachtungen. Und 2.) Wenn Eltern konkrete Probleme ansprechen, sollte man ihnen bei der Lösung helfen – auch wenn das heißt, dass sie vertagt wird. Ich, als Mutter, erwarte keine Instant-Lösungen, sondern nachhaltiges Handeln von Lehrern, insofern kann ich auch eine gewisse Zeit abwarten, bis wir gemeinsam eine Lösung, die für alle sinnvoll ist, erarbeitet haben. Der Weg dahin sollte aber transparent sein. 3.) Den Eltern genau zuzuhören und durch gezieltes Fragen heraus zu bekommen, was ihr konkretes Anliegen ist, will auch geübt sein. Als Eltern umgedreht bedeutet das: klar formulieren. In der Kürze der Zeit ist es oft nicht einfach, zu einem gemeinsamen Ziel zu kommen, wenn dieses unterschiedlich ist.