Categotry Archives: gelesen

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gelesen: das kurze Leben der Sophie Scholl & Einbruch der Wirklichkeit: auf dem Flüchtlingstreck durch Europa

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Das kurze Leben der Sophie Scholl von Hermann Vinke und Inge Aicher-Scholl (Kindle-Version)

Das Buch habe ich ohne großes Vor-Interesse ausgewählt. Ich wusste lediglich von einem Kollegenausflug, dass die Freundin von Sophie Scholl eine Zeit lang im Nachbarort wohnte und Sophie demnach auch gelegentlich hier in der Gegend war. Dennoch habe ich das Buch recht schnell gelesen. Die Stimmung beim Lesen wechselte zwischen aufrichtiger Bewunderung und Entsetzen über die ungerechten Zustände. Das Buch geht chronologisch vor: von der unbeschwerten Kindheit und der Suche nach eigener Identität über die Schulzeit in Ulm und die beginnende Studienzeit in München bis hin zur Verhaftung, Verhandlung und Hinrichtung. Durch die verschiedenen Personen, die über Sophie berichten (teils aus dem Archiv, teils aus Interview nur für das Buch, teils aus Briefen), bekommt man immer wieder neue Einblicke in ihr Leben, ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Hinzu kommt, dass sie wohl eine gute Zeichnerin war. Es sind einige im Buch enthalten. Das Buch brachte mir auch die „weiße Rose“ näher, denn natürlich lässt sich das Leben von Sophie Scholl nicht unabhängig von ihrem Bruder Hans erzählen.

Über Inge Aicher-Scholl bin ich auf den Podcast vom 27.3.17 mit ihrem Mann: Otl Aicher gestoßen, der für viele der gängigen Piktogramme verantwortlich ist.

Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit: Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa

Das zweite Buch von Kermani, das ich las. Und wieder: aufwühlend und ernüchternd. Ich mag seinen Stil, die Dinge schonungslos zu beschreiben, andere durch Leerstellen bewusst interessant und nachdenklich zu hinterlassen. Er beschreibt im Buch Stationen der Flüchtlingsroute über den Balkan, wobei er in entgegengesetzter Richtung reist. Erschreckend, bedrückend, verständnislos, warum Menschen so etwas zugemutet wird.

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gelesen: Kermani: Ausnahmezustand – Reisen in eine beunruhigte Welt

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DSC_5291Ferienzeit ist Lesezeit 🙂 Das ist mein erstes Buch, das ich komplett auf dem Kindle gelesen habe. Am Anfang war es etwas ungewohnt und ich musste mich wirklich konzentrieren, zumal ich oft nur kurze Zeiten am Stück lesen konnte. Mit wachsender Zeit wurde es dann auch merklich besser mit dem Lesevergnügen. Ich habe mir auch direkt das nächste Buch für den Kindle gekauft 😉 Aber zum Buch von Navid Kermani: Das Buch ist eine Zusammenstellung von Reisereportagen in Krisenregionen der Welt. Es ist schon sehr beeindruckend, wie nah er berichtet und in welche Gefahren er sich z.T. begibt. Für mich war es sehr interessant zu lesen, welche anderen Sichtweisen gezeigt werden, aber auch wie das Leben im Ausnahmezustand organisiert wird.

Was an diesen E-Books schade ist: ich kann es nicht verleihen.

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gelesen: Die Nacht und Der Mann, der das Glück bringt.

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Ferienzeit ist bei mir Lesezeit. Im Schwarzwald-Urlaub habe ich diese beiden Bücher gelesen.

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt

Die Geschichte erzählt die Lebensgeschichte von zwei Personen, einem Großvater und einer Mutter, Elena. Ich dachte lange Zeit, dass es dieselbe Familie wäre und fragte mich, wie die Geschichte des Großvaters (dessen echten Namen man nicht erfährt) in New York mit der Geschichte der Mutter im Donaudelta verbunden ist. Am Ende ist alles ganz anders und zwei Welten treffen sich und schreiben ihre eigene Geschichte fort.

Was ich ganz spannend fand: Als Leser erfährt man viel über das Leben im Ghetto von New York zur Jahrhundertwende, wo die Zeit niemals still steht und man durch das Leben hetzt. Als Kontrast dazu steht das Leben im Donaudelta, wo alles immer so ist, wie es immer schon war und sich scheinbar niemals etwas ändern wird.

Elie Wiesel: Die Nacht

Ein Zufallsfund beim Stöbern im Buchladen. Den Namen kannte ich, habe aber noch nie etwas von ihm gelesen. In diesem Buch beschreibt er die Deportation und sein „Leben“ in Auschwitz, Birkenau und Buna. Sehr erschreckend zu lesen und sehr traurig.

Gerade am Anfang dachte ich oft so bei mir, wie sich aus kleinen Gesten, kleinen Ungerechtigkeiten allmählich eine Haltung entwickelt, deren Konsequenzen man irgendwann nicht mehr aufhalten kann. Verglichen mit der heutigen Zeit machte mich das sehr nachdenklich.

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gelesen: „Das Tiefland“ sowie „Ich und Kaminski“

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Ich und Kaminski:

Zu dem Buch gibt es auch einen Film, den ich aber nicht kenne. Das Buch habe ich eigentlich nur zu Ende gelesen, weil es mich gewurmt hätte, wenn ich so ein schmales Bändchen ungelesen zurück in den Schrank gestellt hätte. Es geht um einen arroganten Journalisten, der über einen alten, fast vergessenen Künstler namens Kaminski eine Biographie schreiben soll, die dann (so der Plan) nach dem Tod des Künstlers publiziert werden kann um möglichst viele Käufer zu finden. Der Journalist geht dabei so egozentrisch und selbstherrlich vor, dass ich mich beim Lesen fremd schämte. Kaminski und seine Tochter sind dabei allerdings auch keine Sympathieträger. Ein langweiliges Buch.

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Das Tiefland:

Nachdem ich die Begeisterung im Blog „draußen nur Kännchen“ für dieses Buch gelesen habe, wollte ich es auch haben. Am Anfang habe ich mich etwas schwer getan mit der Geschichte, da es recht viele Personen und Orte gibt, die erst alle vorgestellt und beschrieben werden mussten. Die Geschichte spielt in Indien und in den USA, hauptsächlich in den 60er und 70er Jahren. Es geht um zwei Brüder, ihre Eltern sowie die Schwiegertochter und deren Tochter. Von der Geschichte erzähle ich nicht so viel, die könnt ihr selber lesen. Gut fand ich jedenfalls, dass ich einiges über die Geschichte Indiens erfahren habe.

Beide Bücher lasse ich frei.

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Rezension: Iss was?! – Tiere, Fleisch & ich

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Das Buch „Iss was?!“ der Heinrich Böll-Stiftung wurde im März 2016 veröffentlicht. Es ist, anders als der jährlich heraus gegebene Fleischatlas, an Kinder und Jugendliche gerichtet, die sich über Fleisch und unser Verhältnis dazu informieren wollen. Es gibt 63 Fragen rund um dieses Thema, die in Infografiken und kurzen und auch mal längeren Texten beantwortet werden. Es überwiegen großformatige Grafiken, es gibt aber auch interessante kurze Texte.
Auf dem Bild sind die 63 Fragen.

 

Die Fragen besitzen keine sichtbare Sortierung. Grob kann man sagen, dass die ersten 19 Fragen sich um den Fleischkonsum drehen. Bis Frage 38 geht es um die Haltung von Tieren und ihre Schlachtung, wobei die Frage 35 auf meine Beziehung zu Tieren und Nutztieren eingeht. Die Fragen 37 und 38 drehen sich um das Sozialverhalten der Tiere. Ab Frage 39 geht es um den Konsum und globale Verflechtungen. Außerdem werden Akteure dargestellt, die, neben den Landwirten, Einfluss auf das Tierhaltung und Konsum haben (Politik, NGOs).

 

Die Antworten sind dabei teilweise sehr informativ und gut zusammengefasst. Beispielsweise bei der Frage 39: Was erfahre ich vom Fleischetikett? Die linke Seite beantwortet die Frage, die rechte Seite wirft viele neue Fragen auf.

Andere Antworten sind dagegen eher zu sehr reduziert, z.B. die Frage 47 Wie funktioniert der Regenwald? Die linke Seite stellt eine sehr einfache Version des kurz geschlossenen Nährstoffkreislaufs des Regenwaldes dar. So reduziert würde ich das nicht mal in Kl. 7 verwenden, eher in der Grundschule. Die rechte Seite geht, ebenfalls sehr stark vereinfacht, auf die Nutzung der gerodeten Flächen ein. Diese Doppelseite ließ mich sehr stark an der Zielgruppe „Jugendliche“ zweifeln. Andererseits sind andere Seiten so komplex, dass sie für Grundschüler auf alle Fälle zu schwierig zu verstehen sind. Ein Beispiel dafür ist die Frage 44: Wieviel Land geht ist in meinem Essen? Sie zielt eindeutig auf den ökologischen Fußabdruck, doch davon steht nichts drin. So allein wirft die Darstellung so viele Fragen auf, dass ich sie eher mit Mittel- oder Oberstufenschülern besprechen würde.

Generell denke ich, dass die Anschaffung im Klassensatz sich für Schulen sehr lohnt, da es das Thema recht umfangreich und gut aufbereitet. Wie vorausgeschickt, sollte man sich als Lehrer genau überlegen, in welcher Klassenstufe man die Seiten einsetzt und was an Zusatzinformationen noch nötig ist.

Der Versand erfolgt gegen Kostenbeteiligung (für Porto, Verpackung, Bearbeitung) und zwar in Höhe von: Einzelexemplar je 3 Euro, ab dem 5. Exemplar je 2 Euro.

 

Das Buch folgt dem Doppelseitenprinzip vieler Schulbücher: jede Doppelseite steht für sich und kann unabhängig von den anderen genutzt werden. Es hat ein sehr schönes Format: es ist kleiner als A4, aber etwas breiter als A5 (siehe Bild). Es liegt dadurch sehr gut in der Hand.

Das Buch hat die Lizenz CC-by-nc-nd 3.0. Das heißt, streng genommen ist es kein OER, da es nicht bearbeitet werden darf. Ich kann mir die Datei des Buches herunterladen, darf aber die Grafiken nicht bearbeiten und wieder hochladen. Der Remix-Aspekt, den OER ausmacht, fällt komplett weg. Durch den Zusatz NC (non commercial) dürfen wir aus dem Buch auch keine Grafiken z.B. im ZUM-Wiki  verwenden, da wir die Seite über Werbung finanzieren. Damit wäre es nicht mehr NC. Schade!
Dieser Artikel erschien zuerst im ZUM-Blog.
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gelesen: alle Toten fliegen hoch / Amerika & Irgendwo

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Nachdem ich auf die spärliche Ausbeute meiner gelesenen Bücher 2015 schaute, habe ich mir für 2016 vorgenommen etwas mehr zu lesen. Jeden Monat, so dachte ich mir, könnte ich ein Buch lesen. So begann ich gleich im Januar mit Joachim Meyerhoffs „alle Toten fliegen hoch / Amerika“. Auf das Buch kam ich, als ich mich im Blog „Draußen nur Kännchen“ durch ältere 12von12-Beiträge klickte. Dort gibt es einen Lesebefehl zu einem späteren Meyerhoff-Buch. Ich wollte mit einem früheren anfangen und entschied mich für das.

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Sehr schön geschrieben, stellenweise etwas lang. Die Anekdoten aus dem ländlichen Amerika waren allesamt sehr erheiternd. Die Geschichte ist schnell erzählt: ein 17jähriger meldet sich zu einem Amerika-Jahr an. In Deutschland lebt er in einer Kleinstadt mit seinen Eltern und seinen 2 Brüdern. Er will, dass in Amerika alles anders, toller und überhaupt endlich großartiger wird. Seine Gasteltern leben in Wyoming, sehr ländlich und haben 3 Söhne, wobei nur noch einer zu Hause wohnt. Die Enttäuschung ist groß und trotzdem gibt es viele Unterschiede, die teils sehr grotesk, teils sehr verwundert beschrieben sind. Nach etwa 3 Monaten stirbt sein mittlerer Bruder, sodass er durch sein Amerika Jahr auch die Trauer aufschieben kann. Auf alle Fälle werde ich ein weiteres Buch von Meyerhoff lesen.

DSC_1918Im Januar habe ich sogar noch ein zweites geschafft. Mit Agota Kristof kann ich für mich nichts falsch machen. So bestellte ich mir eins, dass ich noch nicht kannte: Irgendwo. Eine Sammlung von Novellen.

Nachdem ich nun schon einiges von Agota Kristof gelesen habe, freue ich mich mich nach solchen Büchern wie das von Meyerhoff richtig auf ihren Stil. Nicht, dass der andere schlecht wäre, aber sie schreibt so nüchtern, so neutral und so karg über teilweise schreckliche und grausame Dinge. Der Kopf ist zur Einordnung so unglaublich gefordert, dass mich dieser Stil jedesmal in seinen Bann zieht und ich sehr schnell lese. Vielleicht auch, um die darin beschriebenen furchtbaren Sachen schnell wieder zu vergessen.

 

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gelesen: Sommernovelle und Willkommen im Meer / Bookcrossing

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Christiane Neudecker: Sommernovelle

Es geht um zwei Mädchen, die Ende der 1980er Jahre zwei Wochen mit Vögelzählen in einer skurrilen Vogelschutzstation am Rand des Wattenmeeres verbringen. Doch eigentlich ist es egal, wo es spielt. Es geht um den einen Sommer, den man als Teenager erlebt und an den man sich immer wieder zurück erinnert. Ein Sommer der Leichtigkeit, der für einen selbst doch so wichtig ist. Für mich war dieser Sommer 1997 nach dem Abi. Mit dem Bummelzug (Wochenendticket) und einem großen Umweg fuhren wir in 10 Stunden zu zehnt auf die Insel Rügen zum zelten. Uns begleitete ANNA von Freundeskreis, wir schliefen in Schlafsäcken am Strand und genossen die Leichtigkeit und Unsicherheit zwischen Abitur und „Ernst des Lebens“ in vollen Zügen. Das Buch löste viele Erinnerungen an diesen Sommer aus.

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Kai-Eric Fitzner: Willkommen im Meer

Twitter machte mich mit #einBuchfuerKai auf das Schicksal des Autors und seiner Familie aufmerksam. Zufällig sah ich das Buch auf dem Weg in den Urlaub auf dem Ponyhof im September in Bremen in einer Buchhandlung, kaufte es und las es innerhalb weniger Tage aus (obwohl es um einen Lehrer geht ;)). Es geht um Tim, der als Lehrer viele Ideale und Wertvorstellungen hat. Diese behauptet er gegen allerlei Widrigkeiten und erhält dabei viel Unterstützung durch seine Familie (ganz toll: Mutter) und seine Schüler. Ein Buch für Menschenfreunde.

 

Beide Bücher gehören noch in die „gelesen:…“ – Statistik für 2015, damit komme ich immerhin auf 5 gelesene Bücher 2015. Das ist im Vergleich zu anderen sehr wenig. Da ich im Familienalltag kaum Zeit zum Lesen habe, lese ich meist nur in den Ferien. Dafür ist es dann wiederum ganz schön viel 😉 Angefangen habe ich noch einige andere Bücher. Da mir aber meine Zeit zu wertvoll ist, haben sie es nicht geschafft mich bis zum Ende zu motivieren.

Letzte Woche habe ich mich bei Bookcrossing angemeldet. Die beiden oben genannten werden wohl die ersten beiden Bücher sein, die ich frei lasse. (Auch deshalb jetzt dieser Blogeintrag, sonst vergesse ich sie womöglich.) Will einer meiner Leser eins der Bücher lesen? Sonst setze ich sie hier in der Umgebung aus.

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Gelesen: Agota Kristof

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Die dritte Lüge ist der dritte Teil (Teil 1 und 2) der Trilogie um die (angeblichen?) Zwillingsbrüder. Der dritte Teil spielt noch mehr mit der Verwirrung, ob es nun zwei Brüder sind und welcher Teil der Geschichte wahr sein könnte. Überraschend ist das dann nicht mehr.

Was mich mehr begeistert hat: Gestern. Erzählt wird die Geschichte  von Sandor und Line, wobei auf Anhieb nicht so ganz klar ist, wer überhaupt existiert und wieviel der Geschichte nur im Kopf von Sandor (oder eines anderen?) ausgetragen wird. Wie schon zuvor: die karge Sprache von Agotha Kristof lässt viel Raum für Bilder im Kopf des Lesers. Ich mag das.

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gelesen: Peter Bieri – Wie wollen wir leben?

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Das schmale Bändchen umfasst knapp 90 Seiten und drei Vorlesungen von Peter Bieri. Die drei Vorlesungen beschäftigen sich mit

  • Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
  • Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
  • Wie entsteht kulturelle Identität?

Besonders die erste Vorlesung nötigt den Leser zu differenzierter Selbstreflektion, indem hinterfragt wird, welche inneren und äußeren Zwänge auf einen selbst wirken, wie man sich ausdrückt, wo der eigene moralische Standpunkt liegt und welchen Einfluss andere Menschen haben. Die zweite und dritte Vorlesung lassen immer wieder den Essay „Wie wäre es gebildet zu sein“ anklingen.

Interessant fand ich den Gedanken der moralischen Identität, der in allen drei Vorlesungen eine Rolle spielt. In der dritten Vorlesung wird er zu einem Dilemma zugespitzt: Durch einen vorher (und auch im oben erwähnten Essay erläutert) formulierten Gedankengang gehört es zur Bildung, mir über die Zufälligkeit der Einflüsse bewusst zu sein und mich aktiv mit ihrem Entstehen und Wirken auseinander zu setzen. Ebenso ist mein moralischer Standpunkt zufällig der eines Westeuropäers mit eben diesen Werten. Das Spannende daran ist nun folgendes: „Ich weiß von der historischen Bedingtheit meiner Anschauungen und also von ihrer Relativität, und doch kann ich nicht anders, als sie absolut zu setzen, denn sonst ginge die Ernsthaftigkeit meiner Überzeugungen verloren. Es ist dieser Zwiespalt, aus dem heraus man sich entschließen kann einzugreifen, wenn nötig mit Gewalt. Kulturelle Identität kann hier Tod bedeuten.“ (S. 77) Es geht also darum, sich die eigenen Werte und ihre Entstehung im historischen und persönlichen Kontext bewusst zu machen und trotzdem oder gerade deshalb dafür einzustehen. Sokrates klingt hier an.

Ich hänge noch an der folgenden Aussage fest, die für mich eher nach einer These klingt, die es zu diskutieren gilt: „Durch Sprache werden wir zu Wesen, die begründen können, was sie sagen – also zu vernünftigen, denkenden Wesen.“ (S. 67) Hier wird der Sprachgebrauch als Grundlage der Vernunft postuliert. Ist dieser Kausalzusammenhang zwingend?

Alles in allem ein Lesevergnügen, dass mich als Leser immer wieder inne halten ließ um über das Gelesene und meinen Bezug dazu nachzudenken.

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Gelesen: nicht kalt genug

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Bernhard Setzwein schreibt über Friedrich Nietzsches Aufenthalte während 7 Sommer in Sils-Maria, im Oberengadin. Dabei zeichnet er das Bild eines wunderbar schrulligen Professors, der in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kurz vor Vollendung seines Werkes steht und weniger systematisch, mehr chaotisch und inkohärent vorgeht. Er beschreibt, wie Nietzsche sich immer mehr verkriecht, vor der Welt versteckt, sich den selbst finanzierten Druck der Bücher vom Munde abspart und gleichzeitig darunter leidet, dass seine Werke nicht anerkannt werden. Amüsant zu Lesen ist das Verhältnis an Mutter und Schwester, deren Briefe er widerwillig liest und beantwortet, die beigelegte Wurst aber gern annimmt.
Der Titel entstammt der Aussage, dass es zum Denken kühl sein muss, aber selbst in 6000Fuß Höhe scheint es nicht kalt genug. Er genießt dennoch die kühle Bergluft, die er bei seinen Spaziergängen um den Silser See und die benachbarten Täler findet. Im 8. Sommer bleibt Nietzsche fern, es ist das Jahr 1888, die geistige Umnachtung erfasst ihn und er wird von der Mutter in Naumburg gepflegt.

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Nebenbemerkung aus Lesersicht: ich las das Buch bereits zum 2. Mal und wieder mit Genuss. Leider habe ich mein 1. Exemplar irgendwem verborgt uns nicht wieder bekommen. Deshalb kaufte ich es (gebraucht) neu.
Nebenbemerkung aus Geographensicht: als Nietzsche dort weilte, war das Oberengadin vom Tourismus kaum erschlossen und hauptsächlich agrarisch geprägt. Heute ist der Tourismus wichtigstes Standbein der Region, St. Moritz ist der wohl bekannteste Ort.

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